Ein kleiner Brauner aufgspritzt auf einen Halben…

…so kennen und trinken die Amerikaner ihren Kaffee. Selbst im Las Vegas „Bellagio“ Hotel bekommt man einen anständigen Espresso nur auf mehrmalige Nachfrage und für sieben Dollar. Wenn man sich vor Augen führt, dass dieses 8 Milliarden Dollar Bauwerk nach einem italienischen Ort benannt ist und in der gesamten Lobby mundgeblasenes Murano-Glas von der Decke hängt ist das mit europäischer Logik nicht erklärbar.

Anders tickt man hingegen wenn es ums Thema Auto geht. Diese werden in den USA nämlich genau so serviert wie ein Big Mac Menü. Schnell, billig und Fett.

Die schnellste Chevrolet Corvette kostet gerade einmal halb so viel wie ein 911 Turbo und demütigt den Porsche auf so gut wie jedem Rundkurs.
Mit dieser Philosophie konnte man in Europa kaum Fahrzeuge mit kommerziellen Antrieb verkaufen aber wenn es um Elektroautos geht, scheint Elon Musk mit dem Big Mac Prinzip des Model 3 den Vogel abgeschossen zu haben. Eine Mittelklasse Limousine, zu einem vernünftigen Preis die sich auf den hungrigen Elektroautomarkt stürzt ist genau das, was man in Europa gerade haben will!

Auch wenn die meisten Angaben zu den Verkaufszahlen der Mittelklasse Limousinen so irreführend sind, dass Sie nur ein Experte versteht und sich Mercedes’ C-Klasse, BMW’s 3er und der A4 von Audi immer noch deutlich besser verkaufen ist es dennoch erstaunlich wie gefährlich nahe der Tesla kommen könnte wenn der Trend so weiter geht.

Und ich kann es verstehen – Man geht auf die Tesla Homepage, wählt aus ob man den Langstreckenmotor oder die Performance Version haben will (€ 11.000,– Unterschied), entscheidet sich danach für eine der fünf Lackierungen, zwei möglichen Interieurfarben und ob man den Autopilot haben möchte – Fertig.

Der Tesla ist in einer Minute fertig konfiguriert. Bei den deutschen Herstellern muss man sich zuerst mit unzähligen Sonderausstattungen und Interieurleisten vertraut machen bevor man kurz vor der Bestellung noch überlegt ob man die beheizbaren Scheibenwaschdüsen für € 34 und neun Cent zum Auftrag ergänzt oder nicht. Den Tesla bestellt man hingegen nachts, um 3:00 Uhr, von zu Hause aus, leicht betrunken und macht dennoch keinen Fehler.

Die meisten Fahrberichte über das Model 3 widmen sich der Reichweite oder den unzähligen Funktionen die alle, ausschließlich über den riesigen 15 Zoll Bildschirm in der Mittelkonsole gesteuert werden und man könnte vermuten, dass sei Methode weil das Auto schlecht fährt, aber das ist überhaupt nicht der Fall. Ganz im Gegenteil. Wenn man bedenkt, dass es sich das vierte Serienmodell des Herstellers handelt, muss Elon Musk alle Fahrwerks-Spezialisten der Welt engargiert haben um das hinzubekommen. Wie bei den meisten Elektroautos üblich, sitzt der schwere Akku im Chassisboden – eine Tatsache die den Schwerpunkt gefühlt unter den Asphalt verlagert.

Zusammen mit dem tollen Fahrwerk und der epileptischen Lenkung, die den Wagen bei kleinster Berührung abbiegen lässt,  wird man mit dem Tesla schnell zum Gesetzlosen.
Aber das stört nicht weiter – man kann mit dem Wagen bedenkenlos 80 KM/h durch den Ort fahren oder einen Vollgas Ampelstart durchführen – wenn kein Motor aufheult, interessiert sich niemand der Passanten für die Geschwindigkeit des Autos. Eine seltsame Erfahrung, denn mit meinem 30 Jahre alten Porsche bekomme ich ständig den Vogel gezeigt wenn ich mich mit einem Bruchteil der Geschwindigkeit des Tesla bewege. Diskret rasen und dabei in zufriedene, ahnungslose Gesichter blicken – ein Traum!

Wenn ich dem Innenraum auch noch einen Absatz spendiere, muss erwähnt werden, dass es etwas völlig neues ist, ohne völlig neu zu sein – mir fällt erst nach 20 Minuten fahrt auf, dass der Tesla keine Armaturen hat. Auch Lüftugnsdüsen sucht man vergebens, genau so wie Türgriffe oder Tasten in der Mittelkonsole. Das Cockpit des Model 3 ist wie ein Wohnzimmer ohne Sofa und Fernseher. Es definiert die Bedeutung des Worts „aufgeräumt“ völlig neu und das ohne den Schlachthaus-Effekt.

Auf den veganen Ledersitzen die aus Ananasblättern hergestellt werden, sitzt es sich wie auf einem Marshmallow. Wenn das echtes Kuhleder wäre, könnte man nach zwei Tagen den Farbton nicht mehr als „weiß“ bezeichnen denn ich spreche hier von einem strahlend weißen Interieur. Die „Pinatex“ Sitze lassen sich einfach mit Spülmittel reinigen – das ist allerdings das einzige Argument welches ein Fleischfresser gelten lassen kann. So gesehen hat man bei Tesla Rücksicht auf Kunden genommen die selbst über keine Rücksicht verfügen. Immerhin ist das Lenkrad mit Leder ummantelt. Jetzt ist es raus – wer fährt ab morgen mit Handschuhen?

Und bevor ich aus der Elektro-Traumwelt aufwache und wieder in die Realität eintauche gibt es noch ein Fazit.

Der Tesla wird die Welt auf gar keinen Fall retten – aber er macht Spaß zu fahren und ist trotz enormer Fahrleistungen politsch korrekt. Politische Korrektheit wird, wenn es um das Umweltthema geht sowieso viel wichter genommen, als tatsächliche Korrektheit.

Der Tesla ist, trotz Elektroantrieb, kein Auto bei dem man auf irgendetwas verzichten muss – außer man besteht auf echte Ledersitze. Eine Resourcen-Verschlingende 1,8 Tonnen schwere Ansammlung an Edelmetallen, Salzen und sonstigen Materialen die mit veganen Zierelementen aufgeschönt werden und einen tiefen Krater im Ökosystem hinterlassen.
Und genau das ist es warum ich den Tesla irgendwie liebe auch wenn in ihm keine V8 Herz schlägt. So Amerikanisch wie seine Botschaft ist, muss man ihn einfach gern haben – eben weil der Wagen so amerikanisch ist wie das italienisch Frühstück im Bellagio, serviert mit transparentem Kaffee.