Dafür dass ich mich selbst als Autoexperte bezeichne habe ich mich lange dagegen gewehrt ein Elektroauto zu fahren. Diskussionen mit so einem Schlapfen-tragenden Tesla fahrenden Elektro-Messias habe ich ebenso gemieden wie ungeschützten Sex mit einem tailändischen Ladyboy.
Und nichts desto trotz – der Nissan Leaf ist das meistverkaufte Elektroauto in Europa. Ehrlich gesagt, kann ich es auch verstehen – er sieht viel besser aus als sein Vorgänger. Was ich damit sagen will: Der neue Leaf sieht nicht aus wie ein Elektroauto. Wenn man Wert auf Understatement legt will man nicht auf 300 Meter als Elektrofutzi identifiziert werden. Schließlich will man sich auch nicht mit einem Menschen unterhalten der einem ständig sagt, dass er Crossfit betreibt und Veganer ist.

Fesch! – Das Heck des Leaf gefällt mir und dass er hier in einem abgeholzten Wald steht entspricht genau meiner Art Humor.

Grund genug, meine Steinzeitansicht zu überdenken und so ein Ding für euch unter die Lupe zu nehmen.
280 KM Reichweite, in 7,9 Sekunden von 0 auf 100 und 4 Becherhalter klingen auch nicht unbedingt nach Verzicht – da bin ich dabei!

Doch bevor ich das erste mal Platz im Leaf nahm stellte ich mir die Frage – Worauf soll der Fahrbericht hinauslaufen?
Kann man den Leaf als einziges Auto besitzen oder ist er nur ein Spielzeug, wenn man einen Verbrenner in der Garage hat? Genau das ist die richtige Frage, die viele vergessen sich selbst zu stellen wenn in Erwägung gezogen wird ein Elektroauto zu kaufen.

Für die meisten die den neuen Leaf kaufen wird es das erste Elektroauto sein und so viel sei versprochen – das Fahrerlebnis ist völlig anders als mit einem Auto mit Verbrennungsmotor. Man muss den Motor nicht warmfahren, es ist flüsterleise, die Heizung funktioniert sofort und der Antritt, wenn man ins Gas (oder besser gesagt ins Elektrisch) steigt, ist beeindruckend.

Jeder Uber Fahrer beneidet dich! Der Leaf demütigt mit seinen 155 PS den 150 KG leichteren Hybrid welcher mit seinen 136 PS ins Rohr schaut!

Was mir ebenfalls gefällt ist, dass der Nissan Leaf das aufgeräumteste Analog/Digital Cockpit hat was ich je gesehen habe. Diese Instrumente könnte Steve Jobs so entworfen haben – Dagegen wirkt des Infotainment Systems in der Mittelkonsole wie aus dem Zubehör angekauft – eine Beleidigung!

Auf meinem Weg ins Einkaufscenter, oder besser gesagt, zur nächsten Ladestation, stelle ich fest, dass der Leaf nicht versucht zu kaschieren, dass er elektrisch fährt – es einem aber auch nicht aufdrängt wie ein Tesla. In der Mittelkonsole gibt es eine Taste – mit der Aktivierung des „E-Pedal“ kann man vollkommen auf den Einsatz der Bremse verzichten da durch das loslassen des „Elektrisch“ die volle Bremsleistung des E-Motors einsetzt und vor dem Stillstand automatisch die Bremse gesetzt wird. Da die Bremse, so wie der gesamte Antrieb, elektrisch funktioniert hat man ein relativ schlechtes Feedback über das Pedal und daher bremst der Leaf mit der E-Pedal Funktion viel sanfter wenn er zum Stillstand kommt.

Auch der Autopilot funktioniert – hin und wieder – aber zumindest genau so gut wie in vergleichbaren Fahrzeugen. So lange ich mich noch nicht auf die Rückbank setzen kann und mich der Wagen auf Befehl, dort hinbringt wo ich hinmöchte, gehe ich auf diese Blödheiten gar nicht weiter ein.

Im Fischapark angekommen erblicke ich ein Bild des Grauens – 3 freie Parkplätze im gesamten Parkhaus  – aber nicht für mich – ich nehme mir einfach einen der 5 freien, frisch geleckten Elektroparkplätze. Da versteht man erst warum sich Elektroauto-Fahrer vorkommen wie Söhne Gottes.  Der Nissan hat, trotz dass ich schon mehrere Stunden damit unterwegs bin,  noch 52% Saft im Speicher. Um dort Parken zu dürfen muss man als Verantwortungsbewusster E-Auto Fahrer aber sein Fahrzeug laden.
Schneller gesagt als getan…

An dieser Ladestation im Fischapark habe ich die langweilisten und gleichzeitig amüsantesten 15 Minuten meines Lebens verbracht

Im 5 Sekunden Takt bleiben „normale“ Autos stehen und blicken skeptisch auf das „Halten und Parken“ Verboten Schild. Den ganzen Tag könnte ich dabei zusehen – sehr unterhaltsam.
Im nächsten Moment war es allerdings mit dem Gottstatus vorbei. Nach gescheitertem Ladeversuch Nummer 1 hat es fast 15 Minuten gedauert bis der Saft von der Säule in den Leaf floss. In der Zeit hätte ich 5000 KM fossile Reichweite tanken können. Man merkt, dass die Apps mit denen man die Ladung steuert noch lange nicht so ausgereift sind um sagen zu können, dass man sich darauf verlassen kann – aber immerhin ladet der Wagen jetzt und das sogar ohne die Mitgliedskarte des Energieversogers. Wenn man sich darauf auch noch vorbereitet, benötigt man einen ganzen Folder an Check-Karten um an jeder Säule rasch laden zu können. Ein echter Traum!

Eine Stunde und 15 Minuten später waren für fast 4 Euro 12% mehr im Akku – deprimierend.

Jetzt komm ich mir nur mehr wenig edel, sondern sogar verarscht vor. Die gewonnenen 12% waren durch den wütenden Gasfuß am Ortsrand schon wieder in Reifenabrieb umgewandelt.

Der Leaf hat allerdings auch einen 50 KW Gleichstrom-Stecker mit dem man den Wagen in weniger als einer Stunde fast voll bekommt – so eine Säule ist mir allerdings nicht untergekommen – und extra wo hinzufahren nur um dort 45 Minuten Däumchen zu drehen – sowas fällt mir nichtmal im Traum ein.

Das Fahrwerk ist erstaunlich komfortabel und der Leaf liegt trotz der hohen Sitzposition ganz gut auf der Straße – neigt sich nur durch Provokation unwürdig in die Kurve. Das ist allerdings kein Problem, da die Lenkung keinerlei Gefühl vermittelt und diese Kombination ohnehin nicht zum heizen anregt – wozu auch in einem Sparefroh-Auto?

Wie ein dickes Kind im Sportunterricht. Er tut einem Leid aber dennoch muss er da durch.

Nach einem Wochenende mit dem neuen Nissan Leaf bin ich mit dem Elektroauto ein wenig im reinen. Der neue Leaf ist ein erstzunehmendes Auto, mit einem ordentlichen Fahrwerk und die Reichweite ist für die meisten täglichen Situationen tatsächlich ausreichend. An einer normalen Steckdose ladet der Akku von leer bis voll zwar fast 17 Stunden – Das ist lange, aber wenn man nicht zu den Nachschwärmern gehört und jeden Tag über 200 KM fährt ist der Wagen nach dem Frühstück auch wieder voll-geladen.

Wenn du also jemand bist, der unter 200 KM täglich fährt, nicht lange unterwegs, auf Urlaub nur mit Bus und Bahn fährst und wenig Wert auf das Kurvenverhalten legst bist, dann ist so ein Elrktroauto genau das richtige – du musst also ein ultimativer Langweiler sein, dann ist sowas genau das richtige für dich.

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